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MAHATMA GANDHI

Beispiele für Gandhis Einfluss auf die Friedliche Revolution 1989

Hintergrund

Im Oktober 1989 überwinden Tausende in verschiedenen Städten in der DDR ihre Angst und gehen für Freiheit und Demokratie auf die Straße. Trotz der Androhung von Polizeigewalt demonstrieren etwa 70.000 Menschen am 9. Oktober in Leipzig. Die Kraft gewaltfreien Widerstands, für die Gandhi steht, wird unmittelbar erlebt.

Die Begeisterung der Potsdamer Schriftstellerin Sigrid Grabner für Gandhi springt auf ihre Kinder über. Die 19-jährige Tochter Jeanne organisiert im Juni 1989 zusammen mit ihrem Freund ein dreitägiges Klagetrommeln auf den Stufen der Potsdamer Erlöserkirche, um der Opfer des Massakers auf dem Tiananmen-Platz in Peking zu gedenken.

Der 23-jährige Olaf Grabner ruft zusammen mit Gleichgesinnten zu einer Versammlung am 7. Oktober am Brandenburger Tor in Potsdam auf. Die kleine Schar Demonstrierender wächst in kurzer Zeit zu einem Demonstrationszug von fast tausend Menschen jeden Alters an. Immer wieder rufen sie: „Wir bleiben hier, verändern wollen wir.“

Jeanne Grabner organisiert mit Gleichgesinnten auf den Stufen der Potsdamer Erlöserkirche ein dreitägiges Klagetrommeln für die Opfer des Massakers vom 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking.

Quelle:  Tierra-Unida – https://www.tierra-unida.de/2018/06/15/die-klagetrommel-in-der-erloeserkirche/

Dieser Aufruf wurde von Olaf Grabner zusammen mit anderen Engagierten aus der Jungen Gemeinde aufgesetzt im Ormig-Verfahren vervielfältigt und in Potsdam verteilt.

Quelle: Sigrid Grabner

Olaf Grabner spricht am 4. November 1989 in Potsdam vom Balkon einer Privatwohnung zu den tausenden Demonstrierenden auf dem heutigen Luisenplatz.

Quelle: Sigrid Grabner/Bernd Blumert

Sigrid Grabner, Gandhi-Biografin, über die Friedliche Revolution in Potsdam

Ein weiteres Beispiel für die Bedeutung der Ideen Gandhis während der Friedlichen Revolution ist die Fastenaktion von Angela Kunze. Am 3. Oktober 1989 zieht die 25-jährige evangelische Pfarrerstochter mit einem Schlafsack in die Berliner Gethsemanekirche und beginnt dort öffentlich zu fasten. Ihre Fastenerklärung schreibt sie auf eine Tapetenrolle und hängt sie in der Kirche aus.

Angela Kunze lädt auch andere ein, sich ihrem „Angebot zum aktiven gewaltfreien Widerstand“ anzuschließen. Viele verstehen ihren spirituellen Ansatz nicht. Die Kraft von Fasten und Beten ist ihr durch die Beschäftigung mit Gandhi, aber auch durch ihre Besuche in orthodoxen Klöstern in Rumänien bewusst geworden. Einige, vor allem junge Menschen, schließen sich ihr an. Die Fastenecke wird eine Ruhezone in der Kirche. Bei den täglichen Fürbittandachten stimmt Angela die Lieder an. Durch das gemeinsame Singen kommen die aufgebrachten Menschen zur Ruhe.

„Ich faste, um mich reinigen zu lassen von Angst und Resignation, Hass und Gewalt, Ungeduld und Sensationslust.“

Aus dem Fastenaufruf von Angela Kunze am 4. Oktober 1989 in der Berliner Gethsemanekirche

Angela Kunze während der Fastenaktion in der Gethsemanekirche

Quelle: Angela Kunze-Beiküfner

Oberer Teil des Fastenaufrufs von Angela Kunze

Quelle: Angela Kunze-Beiküfner

Angela Kunze-Beiküfner über ihren Impuls zum Fasten und ihre Vorbilder Dietrich Bonhoeffer, Mahatma Gandhi und Martin Luther King

Angela Kunze-Beiküfner über den Kanon „Dona nobis pacem“

Kanon „Dona nobis pacem“, gesungen am 23. Oktober 1989 in der Gethsemanekirche

Fasten und Beten in der Spiritualität von Gandhi und Taizé

Für Gandhi gehören Fasten und Beten zusammen. So auch für Angela Kunze.

In der Gethsemanekirche beginnt der Tag für sie mit dem Morgengebet, der Laudes. Freundinnen und Freunde aus ihrem Taizé-Gebetskreis, der sich sonst wöchentlich in der Sophienkirche trifft, besuchen sie und beten mit ihr. Angela Kunze ist gelernte Physiotherapeutin und hat einige Jahre als Zirkusclown gearbeitet. Im Auftrag der ökumenischen Bruderschaft von Taizé besucht sie Christinnen und Christen in der Tschechoslowakai und in Rumänien. Im Herbst 1989 lebt sie in einer katholischen Schwesterngemeinschaft, in der das gemeinsame Gebet eine große Rolle spielt. An Taizé fasziniert Angela Kunze die Einheit von Kontemplation (Gebet) und Aktion (gesellschaftliches Engagement).

Taizé ist bekannt durch die eingängigen vielstimmigen Gesänge, die von Menschen aller Sprachen schnell erlernt werden können. Angela Kunze stimmt bei den Fürbittandachten neben dem Kanon „Dona nobis pacem“ auch Taizé-Lieder an.

Angela Kunze-Beiküfner, Initiatorin der Fastenaktion im Oktober 1989, über ihre damalige Situation und ihren geistigen Hintergrund

Die „Freundschaftsikone“ von Taizé, eine koptische Ikone aus dem 8. Jahrhundert, die Christus mit Bischof Menas, dem Abt des ägyptischen Klosters Bawit zeigt, begleitet Angela Kunze bei ihrer Fastenaktion. Für die Gemeinschaft von Taizé drückt sich in der Umarmung die Freundschaft aus, die Christus allen Menschen anbietet.

Quelle: Katharina Jany/Original im Louvre

Die Schriften von Mahatma Gandhi und Dietrich Bonhoeffer geben Angela Kunze Kraft. Dieses Büchlein von Gandhi wird ihr während der Fastenaktion in der Kirche gestohlen.

Quelle: Privat

Angela Kunze beim Schreiben in ihr Tagebuch

Quelle: Angela Kunze-Beiküfner

Angela Kunze-Beiküfner, Initiatorin der Fastenaktion im Oktober 1989, liest aus ihrem Tagebuch

Das Fastentagebuch

Das Tagebuch, das Angela Kunze während der Fastenaktion führt, ist inzwischen ein wichtiges Zeitdokument. Es vermittelt einen lebendigen Einblick in die Dynamik der schicksalhaften Tage im Oktober. Es berichtet von Ereignissen und von persönlichen Begegnungen. Am 7. Oktober 1989 schreibt sie:

„Samstag, 7. Oktober 8:00 Uhr (...). In der Kirche ist es noch ganz still (...). Was der Tag wohl heute bringen wird? Ich hoffe und bete jetzt, dass es zu keinen Eskalationen kommen wird. Und dass ich in allem die innere Stille bewahre. Wir haben Ikonen mit Kerzen aufgestellt (...) mit Blumen. Jetzt sitzen einige Leute still davor.

16:00 Uhr (...). Ein Journalist aus New York sitzt jeden Tag einfach für eine Zeit still in der Bank. Er hat mir erzählt, dass er in den 60er Jahren bei den Protestmärschen mit Martin Luther King dabei war und dass ihn das alles hier sehr daran erinnert.“

Die Fastengruppe

Die von Angela Kunze initiierte Fastengruppe wächst auf etwa 20 Personen an, die in der Kirche ihr Lager aufschlagen. Die genaue Zahl ist unbekannt, da einige wegen beruflicher Verpflichtungen nicht die ganze Zeit dabei sein können.

Auf einem Aushang können sich alle eintragen, die sich an der Fastenaktion beteiligen – sei es in der Kirche oder außerhalb. Einige schreiben eine eigene Begründung für ihr Fasten. Die Motive der Menschen sind sehr unterschiedlich. Die wenigsten von ihnen haben einen christlichen Hintergrund. Dennoch sehen sie im Fasten eine Möglichkeit, ihren Widerstand und ihre Solidarität mit den Inhaftierten auszudrücken.

Angela Kunze-Beiküfner, Initiatorin der Fastenaktion im Oktober 1989, über die Fastengruppe und eine Grenzerfahrung

Eine Auswahl an Fastenerklärungen, die in der Gethsemanekirche aushingen.

Quelle: Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord

Dank eines U-Bahnfahrers an die Fastengruppe vom 12. Oktober 1989

Erlebnisbericht eines Mitglieds aus der Fastengruppe vom 13. Oktober 1989

Der Leipziger Fastenaufruf

Quelle: Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord

Brief der Leipziger Fastengruppe an Angela Kunze

Quelle: Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord

Die Leipziger Fastenaktion „Hundeblume“

Eine weitere Fastenaktion findet vom 2. bis 8. Oktober in der Leipziger Versöhnungskirche statt. Die Teilnehmenden geben ihr den Namen „Hundeblume“, nach der bekannten Erzählung von Wolfgang Borchert, der aus einer unscheinbaren Hundeblume Hoffnung und Lebensmut schöpft. Die Beteiligten fasten nicht komplett, sondern nehmen neben Tee auch Brot zu sich. Sie treffen sich jeden Abend in der Kirche zu Gebet und Austausch.

Die Fastenden in Berlin und Leipzig bekunden in Briefen ihre gegenseitige Solidarität. Die Leipziger Gruppe grüßt die Berliner Fastenden mit Psalm 126. Darin heißt es: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.“

Auch in Dresden gibt es eine Fastengruppe.

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