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KIRCHE UND REVOLUTION

Frieden schaffen ohne Waffen –
Wehr­dienst­verweigerer

Hintergrund

Während des Kalten Krieges wird in beiden deutschen Staaten die Wiederbewaffnung vorangetrieben: In der Bundesrepublik wird 1955 die Bundeswehr gegründet und 1956 die Wehrpflicht eingeführt. In der DDR existieren bereits seit 1952 militärische Einheiten der Volkspolizei. 1956 wird die Nationale Volksarmee (NVA) gebildet. 1962 – kurz nach dem Bau der Berliner Mauer – beschließt die Volkskammer die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. In den folgenden zwei Jahren verweigern mehr als 1.500 junge Männer den Wehrdienst – meist aus religiösen Gründen. Vor allem ihrem Mut ist es zu verdanken, dass 1964 in der DDR als einzigem Staat des östlichen Militärbündnisses ein waffenloser Wehrersatzdienst eingeführt wird. Der Einsatz dieser Bausoldaten ist militärisch organisiert und erfolgt zunächst vorrangig an militärischen Objekten. Für manche ist das ein unzumutbarer Kompromiss. Sie werden zu Totalverweigerern und nehmen eine zweijährige Haftstrafe in Kauf.

Weder in den großen Kriegen noch danach gehörten die Kirchen zu den pazifistischen Vorreitern. Erst das massive Friedenszeugnis vieler Einzelner und später das Engagement von Basisgruppen führen sie in eine neue Rolle – als Akteure der Friedensbewegung.

Angesichts der zunehmenden Militarisierung des öffentlichen Lebens in den 1980er Jahren wird der Ruf nach einem zivilen Wehrersatzdienst immer lauter. Friedensgruppen wie die Dresdner Initiative Sozialer Friedensdienst setzen sich vergeblich dafür ein. Erst im Februar 1990 wird ein Zivildienst gesetzlich eingeführt.

NVA-Broschüre 1968: „Der Schutz des Friedens und des sozialistischen Vaterlandes und seiner Errungenschaften ist Recht und Ehrenpflicht der Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Jeder Bürger ist zum Dienst und zu Leistungen für die Verteidigung der Deutschen Demokratischen Republik verpflichtet.“ (Verfassung der DDR 1968/1974, Artikel 23, 1) 

Quelle: Archiv Reinhard Assmann

Anordnung über die Aufstellung von Baueinheiten vom 7. September 1964. Zwischen 1964 und 1990 gibt es mehr als 15.000 einberufene Bausoldaten. 

Quelle: Archiv Reinhard Assmann

Wehrausbildungslager Juni 1986: Schüler aus dem Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg bei der vormilitärischen Ausbildung. 

Quelle: Volker Döring

„Wer (…) auf die Androhung und Anwendung von Gewalt verzichtet, bezeugt damit den unter uns schon gegenwärtigen Frieden Gottes in der Welt, in der das Unrecht noch nicht überwunden ist. Er handelt im Vorgriff auf das verheißene Friedensreich Gottes. Diesen Weg erkennt die Kirche als eine Gestalt der Nachfolge Jesu, die in ihrer Deutlichkeit von keiner anderen Entscheidung übertroffen wird. (...)

(Die) Analyse der gegenwärtigen Situation (…) macht die politische Vernünftigkeit des Gewaltverzichts sichtbar. Wir erkennen, dass das Abschreckungssystem mit politischen Mitteln überwunden werden muss. Mit der Verweigerung des Waffen- und Wehrdienstes wollen Christen zeichenhaft diesem Ziel dienen und den Vorrang der Friedenssicherung mit nichtmilitärischen Mitteln unterstreichen.“

Aus dem Ergebnistext 5 „Wehrdienst“ der Ökumenischen Versammlung in Dresden 1989

Erster Widerstand gegen die Wehrpflicht

In der DDR müssen die Wehrpflichtigen den Fahneneid leisten. Sie schwören, jederzeit bereit zu sein und den Sozialismus gegen alle Feinde zu verteidigen. Eine Regelung für Wehrdienstverweigerer ist mit Einführung der Wehrpflicht 1962 nicht vorgesehen.

Gegen die Einführung der Wehrpflicht gibt es zunächst keine Proteste. Jedoch sprechen die evangelischen Bischöfe Friedrich-Wilhelm Krummacher und Moritz Mitzenheim im März 1962 gegenüber staatlichen Stellen Vorbehalte gegenüber dem Fahneneid aus und erbitten erfolglos eine Regelung für Verweigerer.

Dennoch verweigern in den Jahren 1962 bis 1964 ungefähr 1.500 junge Männer den Wehrdienst und setzen damit ein Zeichen. Etwa neunzig Prozent der Verweigerer geben religiöse Motive an. Diese Minderheit von 0,2 Prozent aller Einberufenen alarmiert die Armeeführung und bewirkt, dass die DDR im September 1964 das Gesetz für den Ersatzdienst in Baueinheiten erlässt.

„Ohne diese jungen DDR-Bürger, die den aufrechten Gang versucht haben, wäre es nicht zu der Bausoldatenanordnung gekommen.“ (Peter Schicketanz)

Zivilcourage und Kompromiss. Bausoldaten in der DDR 1964–1990, Berlin 2006, S. 31

 Jürgen Israel, 1970 Verlagsmitarbeiter, verweigert den Wehrdienst

Gebetspause mit den Herrnhuter Losungen. Bausoldaten der 1960er und 1970er Jahre sind vor allem engagierte Christen. 

Quelle: Bernd Püschel

Im katholischen Pfarrhaus Saßnitz 1988. Unter den Bausoldaten der 1970er und 1980er Jahre sind zunehmend politisch Unangepasste und Ausreisewillige.

Quelle: Katharina Jany

Kompromiss Bausoldaten

Die „Anordnung über die Aufstellung von Baueinheiten“ vom September 1964 sieht einen waffenlosen Wehrersatzdienst innerhalb der Nationalen Volksarmee (NVA) vor, Dienstgrad: Bausoldat. Als Motive werden „religiöse Anschauungen“ oder „ähnliche Gründe“ anerkannt, statt des Fahneneides wird ein Gelöbnis verlangt.

Als Friedenszeugnis ist die Entscheidung für den Bausoldatendienst umstritten – sie gilt als widerwilliger Kompromiss zwischen aktivem Militärdienst und Totalverweigerung. Konflikte entzünden sich am Gelöbnis und, in den ersten Jahren, am Einsatz an militärischen Bauobjekten.

In den 1970er Jahren werden Bausoldaten den Rückwärtigen Diensten zugeteilt und zum Beispiel als Hausmeister eingesetzt. In den 1980er Jahren arbeiten sie verstärkt für die Großindustrie in den Bereichen Chemie, Berg- oder Hafenbau.

Die permanente friedensethische Debatte unter den Bausoldaten schärft ihr Bewusstsein. Viele engagieren sich in der Friedensbewegung. Für den Historiker Rainer Eckert gelten Bausoldaten als eine „Keimzelle der friedlichen Revolution“.

Wolfgang Stadthaus, 1964/65 Bausoldat der ersten Stunde, zur Bausoldaten-Anordnung 1964

Wolfgang Stadthaus zum Bausoldaten-Gelöbnis

Wolfgang Stadthaus über das friedensethische Engagement

Verweigerung als das „deutlichere Zeichen“

Die ersten Durchgänge der Bausoldaten sind erstaunlich kreativ: Zahlreiche Texte und Initiativen gehen auf sie zurück. Auch suchen sie die Verbindung zu ihren Kirchen. Die evangelischen Kirchenleitungen in der DDR bilden daraufhin einen Arbeitskreis, der 1965 eine Handreichung „Zum Friedensdienst der Kirche“ für die Gemeinden erstellt. Kernaussagen sind das „deutlichere Friedenszeugnis“ der Verweigerer und Bausoldaten sowie der Ruf nach einem aktiven christlichen Friedensdienst. Ein Referat Friedensfragen im neuen Bund der Evangelischen Kirchen entsteht, das wichtige Materialien für die Gemeinden und späteren Friedenskreise erarbeitet.

Bausoldaten sind an der Gründung der bekannten Friedensseminare in Königswalde und Meißen beteiligt, die weit über ihre Region hinaus wirken.

Friedensforum in der Dresdner Kreuzkirche am 13. Februar 1982: Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider über Wehrdienstverweigerung

Knobelbecher. Linolschnitt von Dietmar Schicketanz anlässlich seiner Entlassung aus den Baueinheiten 1984. 

Quelle: Dietmar Schicketanz

Kirchliche Beratungsangebote: Das baptistische Jugendwerk verweist 1983 auf das „deutlichere Zeugnis“ der Verweigerer und beruft sich auf die Bergpredigt. Ein Konflikt der Freikirche mit dem Staat bleibt nicht aus.

Quelle: Archiv Reinhard Assmann

Evangelischer Kirchentag in Berlin im Juni 1987. Mitglieder der Kirche von unten fordern einen zivilen Ersatzdienst. 

Quelle: Bundesstiftung Aufarbeitung, Klaus Mehner , Bild 87_0628_REL-EvKT_Ende_07

Der Beratungsstand des Freundeskreises Totalverweigerer bei der Berliner Friedenswerkstatt im Juni 1988.

Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Initiative Sozialer Friedensdienst

Die kirchliche Beratungsarbeit für Wehrdienstverweigerer gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. So gründet Pfarrer Christoph Wonneberger 1980 in Dresden die Initiative Sozialer Friedensdienst (SoFd), die einen Aufruf für einen alternativen Friedensdienst in Umlauf bringt. Über 12.000 Eingaben überfluten daraufhin die evangelischen Landessynoden.

Freiwillige Arbeitseinsätze in staatlichen Pflegeheimen sollen Zeichen setzen. Friedensforen, Friedensseminare und Friedenswerkstätten unterstützen das Anliegen, das auch von neu eingerichteten politischen „Friedensgebeten“ aufgenommen wird. Aber erst die Friedliche Revolution ermöglicht ab März 1990 die Einführung eines Zivildienstes in der DDR.

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