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MARTIN LUTHER KING

Martin Luther Kings Besuch in Ostberlin am 13. September 1964

Hintergrund

Auf Einladung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt kommt Martin Luther King am 12. September 1964 nach Westberlin. Teil seines straffen Programms ist eine Predigt am 13. September zu einem Tag der Kirche vor 20.000 Menschen in der Waldbühne.

Für den Abend ist ein Besuch in Ostberlin geplant. Probst Heinrich Grüber hat Martin Luther King für 20 Uhr zu einem Gottesdienst in die Ostberliner Marienkirche eingeladen. Die Nachricht von diesem Besuch verbreitet sich ausschließlich durch Mundpropaganda. Bereits um 19 Uhr ist die Kirche überfüllt. Hunderte stehen noch vor dem Gebäude. Spontan wird ein zweiter Gottesdienst in der nahe gelegenen Sophienkirche organisiert.

Als Martin Luther King in Begleitung von Pfarrer Ralph Zorn und der Amerikanerin Alcyone Scott gegen 19:40 Uhr am Grenzübergang Checkpoint Charlie nach Ostberlin einreisen will, hat er keinen Reisepass. Alcyone Scott fleht die Grenzposten an, den prominenten Gast durchzulassen und erklärt, dass er eine Predigt in der Marienkirche halten müsse – ohne Erfolg. Als die drei schon aufgeben wollen, wird Martin Luther King von einem Grenzbeamten erkannt. Nach Rücksprache mit seinem Vorgesetzten darf die Gruppe die Grenze passieren. Kings Kreditkarte wird als Ausweisdokument anerkannt.

Bei seiner Ankunft vor der Marienkirche wird Martin Luther King stürmisch begrüßt. Seine Predigt ist dieselbe, die er in Westberlin gehalten hat. Hier jedoch erzielt sie, wie Alcyone Scott beobachtet, eine ganz andere Wirkung:

„Die ganze Zeit, während Dr. King spricht, hätte man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören können. Keiner hustete, niemand nieste (…). Diese Leute sind in einer Art Gefängnis, das sie sich nicht selbst ausgesucht haben. Sie haben keine Freiheit, die sie einklagen können. Und er redet zu ihnen über passiven Widerstand.“

Zitat aus dem Interview mit Alcyone Scott, 2009, in: Georg Meusel, Das Wunder vom Checkpont Charlie, 2014

„Es ist wahrhaftig eine Ehre in dieser Stadt zu sein, die als ein Symbol der Teilungen durch Menschen auf dieser Erde steht. Und hier sind auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen. Ob es im Osten oder Westen ist, Männer und Frauen suchen nach einem Halt, nach einer Hoffnung auf Erfüllung, und sehnen sich, dass sie glauben können an etwas, das über ihnen steht (...). Das ist der Glaube, den ich euch anbefehle, ihr Christen hier in Berlin, ein lebendiger, aktiver und großer öffentlicher Glaube, der uns bringt und bezeugt den Sieg Jesu Christi in der Welt, ob es eine östliche Welt oder eine westliche Welt sei. In diesem Glauben können wir aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung heraushauen. In diesem Glauben werden wir miteinander arbeiten dürfen, miteinander beten, miteinander ringen, miteinander leiden, miteinander für Freiheit aufstehen in der Gewissheit, dass wir eines Tages frei sein werden.“

Aus der Predigt Martin Luther Kings in der Ostberliner Marienkirche am 13. September 1964. Quelle: Archiv der Marienkirche

Mitschnitt der Predigt von Martin Luther King in der Marienkirche

Im Beisein des Regierenden Bürgermeisters von Westberlin, Willy Brandt, trägt sich Martin Luther King am 13. September 1964 in das Goldene Buch der Stadt ein.

Quelle: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (06) Nr. 0100187/Foto: Sass, Bert

Martin Luther King in der Ostberliner Marienkirche am 13. September 1964

Quelle: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (06) Nr. 0100183/Foto: Jung, J.

Martin Luther King bei seinem Besuch in Ostberlin mit Herbert Weist, dem Präsidenten des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in der DDR (Baptisten)

Quelle: Anneliese Kaminski/Bruno Hein

Wilfried Weist berichtet über seine Begegnung mit Martin Luther King in der Marienkirche

Anneliese Kaminski berichtet über ihre Begegnung mit Martin Luther King in der Sophienkirche

Probst Heinrich Grüber – Gerechter unter den Völkern und Ehrenbürger Berlins

Heinrich Grüber richtet während des Nationalsozialismus als Pfarrer der Bekennenden Kirche ein Büro zur Unterstützung „nichtarischer Christen“ ein. Er rettet viele Jüdinnen und Juden und kommt dafür ins Konzentrationslager. Seit 1945 ist er Probst in Berlin. Sein Amtssitz ist die Ostberliner Marienkirche. Sein Büro in Dahlem unterstützt ehemals rassistisch Verfolgte. Er wird Generalbevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Regierung der DDR. Weil er dem DDR-Regime politisch unbequem wird, lässt es ihn nach dem Mauerbau nicht mehr in den Osten einreisen.

Seit 1963 steht Heinrich Grüber im Briefwechsel mit Martin Luther King. Er nutzt dessen Besuch in Westberlin, um ihn in die Ostberliner Marienkirche einzuladen, auch wenn er selbst nicht dabei sein kann.

Heinrich Grüber (1891–1975) Neben vielen Ehrungen erhält Heinrich Grüber 1964 die Anerkennung Israels als Gerechter unter den Völkern und 1970 die Ehrenbürgerwürde von Westberlin.

Quelle: Archiv der EKiR/Hans Lachmann

Martin Luther King und sein Mitarbeiter Ralph Abernathy besichtigen am 14. September 1964 die Berliner Mauer an der Sektorengrenze Bernauer Straße/Schwedter Straße.

Quelle: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (06) Nr. 0099676/Foto: Schubert, Karl-Heinz

Schüsse an der Berliner Mauer

Seit dem 13. August 1961 ist Berlin geteilt. Die drei Westsektoren der Stadt sind durch einen von zwei Mauern gesäumten Grenzstreifen vollständig vom Umland abgeriegelt.

Während des Besuches von Martin Luther King kommt es am Morgen des 13. September 1964 zu Schüssen an der Berliner Mauer. DDR-Grenzposten eröffnen das Feuer auf einen 21-jährigen DDR-Bürger, der nach Westberlin fliehen will. Er wird von fünf Kugeln getroffen und schwer verletzt. Einem amerikanischen Sergeanten gelingt es, den jungen Mann mit einem Seil über die Mauer in den Westen zu ziehen und sein Leben zu retten. Martin Luther King ist von diesem Vorfall schwer erschüttert. Noch am selben Tag begibt er sich an den Tatort in der Stallschreiberstraße 42 in Berlin-Kreuzberg, wo an einer Hauswand die Einschusslöcher zu sehen sind. Am nächsten Tag besucht er die Berliner Mauer in der Bernauer Straße.

Nachwirkungen des Besuches von Martin Luther King in der DDR

Der Besuch Martin Luther Kings gibt vielen Christinnen und Christen in der DDR Hoffnung. Eine Woche vor seinem Besuch wird das Bausoldatengesetz verabschiedet. Einige junge Männer fühlen sich durch Martin Luther King ermutigt, den Dienst mit der Waffe bei der Nationalen Volksarmee (NVA) zu verweigern und entscheiden sich für den Bausoldatendienst. Andere beschließen, den Wehrdienst total zu verweigern und gehen dafür ins Gefängnis.

Nach seinem Besuch ändert sich auch die offizielle Berichterstattung über Martin Luther King. Seine Rolle ist für die Funktionäre in der DDR ambivalent. Sein Kampf für die Rechte der unterdrückten schwarzen Bevölkerung wird geschätzt. Sein christlicher Glaube und seine Methode der Gewaltlosigkeit passen jedoch nicht in das Konzept der herrschenden Ideologie. Gerald Götting, der Vorsitzende der staatstreuen CDU, beginnt 1963 einen Briefwechsel mit Martin Luther King. Das erste Buch von King, das in der DDR gedruckt wird, erscheint 1965 im CDU-eigenen Union Verlag Berlin.

„Warum wir nicht warten können“ ist das erste Buch von Martin Luther King, das in der DDR herauskommt (1965). Ebenfalls im Union Verlag Berlin erscheinen 1965 eine Kurzbiografie Kings von Günther Wirth und die Nobelpreisrede. 1971 druckt der Union Verlag Coretta Kings Erinnerungen „Mein Leben mit Martin Luther King“.

Quelle: Wilfried Weist/Katharina Jany

In der Evangelischen Verlagsanstalt (EVA) erscheint 1968 die Lebensbeschreibung Martin Luther Kings von Anneliese Vahl. Dieses Buch erfährt in kirchlichen Kreisen eine große Resonanz.

Quelle: Wilfried Weist/Katharina Jany

Wilfried Weist berichtet, wie Martin Luther King ihn inspiriert hat, sich als Bausoldat zu melden

Wilfried Weist spricht über die Nachfrage von Büchern über Martin Luther King in christlichen Buchhandlungen

Nachruf auf Martin Luther King in der „Sächsischen Zeitung“, 6. April 1968

Quelle: Reinhard Assmann

Reaktionen auf den Tod von Martin Luther King

Mit großer Bestürzung berichten staatliche und kirchliche Zeitungen in der DDR über den Mord an Martin Luther King am 4. April 1968. Der Stellvertreter des Staatsratsvorsitzenden und Vorsitzende der CDU, Gerald Götting, schreibt in einem Beileidstelegramm: „Martin Luther King wird für uns als leuchtendes Symbol eines unerschrockenen Streiters für den Frieden und die politische und soziale Gleichberechtigung der Menschen, als leidenschaftlicher Verfechter der Idee der Gewaltlosigkeit für immer unvergessen bleiben. Sein Opfertod ist uns Verpflichtung, all unsere Kräfte für die Verwirklichung seiner edlen Ziele einzusetzen.“ (Wort und Werk, April 1968, S. 9)

Anneliese Vahl erhält kurz nach der Todesnachricht einen Anruf vom Ministerium für Kultur. Ihr Manuskript über Martin Luther King soll umgehend gedruckt werden und zur Leipziger Herbstmesse erscheinen.

Die Baptisten erleben innerhalb eines Tages einen doppelten Verlust: 17 Stunden nach Martin Luther Kings Ermordung stirbt Herbert Weist, der höchste Repräsentant der Baptisten in der DDR.

Wilfried Weist berichtet über die Ermordung von Martin Luther King und den Tod seines Vaters

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