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MARTIN LUTHER KING

Martin Luther King – Vorbild für Christinnen und Christen in der DDR

Hintergrund

Das Interesse an Martin Luther King in evangelischen und evangelisch-freikirchlichen Gemeinden ist groß. King beeindruckt als ein Mann, der aus seinem christlichen Glauben heraus gewaltlos für Freiheitsrechte kämpft.

Das Evangelische Jungmännerwerk gibt 1965 eine Dia-Serie über Martin Luther King heraus. Anneliese Vahls Buch aus der Evangelischen Verlagsanstalt (1968) kursiert in Kirchengemeinden und bildet die Grundlage für Predigten und Veranstaltungen.

1969 wird das baptistische Begegnungszentrum in Schmiedeberg/Erzgebirge nach Martin Luther King benannt.

Mit der Verbreitung von Spirituals und Gospels in der DDR steigt auch der Bekanntheitsgrad von Martin Luther King und der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Nicht nur in kirchlichen Kreisen, auch in staatlichen Ferienlagern erklingen am Lagerfeuer die Songs „We shall overcome“ und „Blowin‘ in the wind“. Auch das Lied „Die Story vom kleinen Jonny“ des evangelischen Liedermachers Fritz Müller, das von den Protesten in Birmingham handelt, wird in kirchlichen Kreisen von Kindern und Jugendlichen mit Begeisterung gesungen.

Martin Luther King ist auch ein Vorbild für Gruppen der unabhängigen Friedensbewegung und inspiriert das Training von gewaltfreiem Widerstand.

Der Pfarrerssohn und Kriegsdienstverweigerer Georg Meusel setzt sich auf vielfältige Weise für das Andenken an Martin Luther King ein. Er ist Mitbegründer des christlichen Friedensseminars Königswalde und gehört 1989 zu den führenden Köpfen der Bürgerrechtsbewegung in Werdau.

Auch während der Friedlichen Revolution 1989 wird auf Martin Luther King Bezug genommen. Der evangelische Pfarrer Theo Lehmann predigt bei einem Jugendgottesdienst in Karl-Marx-Stadt am 8. Oktober über Martin Luther King. Als Reaktion auf die polizeilichen Übergriffe in Dresden und Plauen trägt er demonstrativ eine Zahnbürste bei sich. Der reformierte Pfarrer Christian Sievers verweist am 9. Oktober in Leipzig auf das Vorbild Martin Luther Kings und mahnt zur Gewaltlosigkeit.

Unter der Schutzklausel „Nur zum innerkirchlichen Dienstgebrauch“ gibt das Evangelische Jungmännerwerk 1965 die Dia-Serie „Das heilende Schwert der Gewaltlosigkeit“ über Martin Luther King heraus. Ab 1987 verleiht es den US-amerikanischen Dokumentarfilm: „ … dann war mein Leben nicht umsonst“.

Quelle: Wilfried Weist/Katharina Jany

Brief vom 13. Dezember 1968 von Coretta King an Anneliese Vahl. Nach Erscheinen ihres Buches über Martin Luther King schickt Anneliese Vahl ein Exemplar an dessen Witwe. Aus diesem ersten Kontakt entsteht ein längerer Briefwechsel.

Quelle: Anneliese Kaminski

Das baptistische Rüstzeitheim in Schmiedeberg/Erzgebirge, das zentrale Begegnungshaus für Baptisten aus der ganzen DDR, erhält 1969 mit Genehmigung von Martin Luther Kings Witwe, Coretta King, den Namen Martin-Luther-King-Haus.

Quelle: Katharina Jany

Wilfried Weist über die Bedeutung von Martin Luther King in seiner baptistischen Gemeinde

Anneliese Vahl – Frau der Kirche und King-Biografin

Anneliese Vahl ist Romanistin und Germanistin. Von 1961 bis 1992 arbeitet sie als Redakteurin der evangelischen Monatszeitschrift „Die Zeichen der Zeit“. Zusätzlich wird sie vom Berliner Missionswerk häufig als Dolmetscherin (Englisch-Deutsch) für internationale Gäste eingesetzt. Nach Martin Luther Kings Besuch in Berlin erhält sie von der Evangelischen Verlagsanstalt den Auftrag, ein Buch über King zu schreiben. Ein Exemplar der ersten Auflage (1968) schickt sie an Martin Luther Kings Witwe, Coretta King, die ihr persönlich antwortet. Als Vorsitzende der Evangelischen Frauenarbeit der DDR fliegt Vahl 1974 zu einer Konferenz nach Mexiko. Während ihres anschließenden USA-Aufenthalts reist sie nach Memphis, um den Ort des Attentats auf Martin Luther King zu besuchen.

Von 1997 bis 2005 ist Anneliese Kaminski (geb. Vahl) die Vorsitzende der Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg.

Die Autorin Anneliese Vahl (*1936) im Gespräch mit Alfred Kardinal Bengsch, Oberkirchenrat Ernst-Eugen Meckel und dem evangelischen Bischof Albrecht Schönherr bei einem Treffen des Exekutivausschusses des ökumenischen Rates der Kirchen, 1974

Quelle: Anneliese Kaminski

Martin Luther King und Coretta Scott King, Aquarell von Anneliese und Kurt Kaminski, 2018

Quelle: Anneliese Kaminski

Anneliese Kaminski über ihr Buch und die Reaktionen darauf

Was Anneliese Kaminski in Bezug auf Martin Luther King heute anders sieht

Fritz Müller mit Landesjugendpfarrer Rolf-Dieter Günther während der X. Weltfestspiele 1973 in der Berliner Marienkirche.

Quelle: Fritz Müller

„Die Story vom kleinen Jonny“ von Fritz Müller

Fritz Müller (*1937) ist Jugendwart der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg, Liedermacher und Bandleader. Er schreibt Lieder, die bei evangelischen Jugendtreffen gesungen werden und auch in freikirchlichen Kreisen Verbreitung finden. Nach einem Radiobeitrag über die Proteste in Birmingham schreibt er „Die Story vom kleinen Jonny“. Das Lied wird 1967 beim Landesjugendtreffen auf Hermannswerder vor 2.000 Jugendlichen uraufgeführt. Es verbreitet sich schnell, wird zum Ohrwurm und prägt Generationen von Kindern.

Das Lied wird mit einem kurzen gesprochenen Text eingeleitet:

„Hört mal gut zu, sagte Martin Luther King zu den Kindern, die auch gegen das Unrecht demonstrieren wollten – wenn ihr ins Gefängnis kommt, und damit müsst ihr rechnen, müsst ihr alles abgeben, was ihr in der Hosentasche habt. Nur eure Zahnbürste – die dürft ihr behalten.“

„Die Story vom kleinen Jonny“, historische Aufnahme aus den 1960er oder 1970er Jahren

Quelle: Fritz Müller/Mit freundlicher Genehmigung der mundorgel Verlag GmbH

Georg Meusel und das Martin-Luther-King-Zentrum in Werdau

Georg Meusel (*1942), Pfarrerssohn aus Werdau/Sachsen, hört als Jugendlicher in der Jungen Gemeinde von Martin Luther King und ist beeindruckt. Wegen Gesellschafts- und Armeekritik werden ihm Abitur und Studium verwehrt. Er lernt Gärtner, arbeitet später als Schweißer und Elektromonteur. 1962 verweigert er den Wehrdienst.

Er engagiert sich in der christlichen Friedensbewegung und schreibt Artikel über Martin Luther King und die Gewaltlosigkeit. Nach vielen Anstrengungen gelingt es ihm, aus der Bundesrepublik eine Filmkopie des Dokumentarfilms „… dann war mein Leben nicht umsonst“ zu erwerben. Von 1987 bis 1989 wird allein diese Kopie 138 Mal bei kirchlichen Veranstaltungen vor mehr als 10.000 Menschen gezeigt.

Georg Meusel ist Hauptinitiator des Martin-Luther-King-Zentrums in Werdau, das 1998 eröffnet wird. Es erinnert an Martin Luther King und die Friedensbewegung in der DDR und setzt sich für Gewaltfreiheit und Zivilcourage ein.

Georg Meusel (*1942) nutzt vielfältige Möglichkeiten, Martin Luther King bekannt zu machen. Sein philatelistisches Exponat zu Martin Luther King wird von 1970 bis zur Friedlichen Revolution auf mehr als 20 Ausstellungen in der DDR, in Wolgograd und auf Weltausstellungen in Poznan und Prag gezeigt.

Quelle: Martin-Luther-King-Zentrum e.V.

Mit einem Beitrag in „Die Kirche“ vom 8. Mai 1988 informiert Georg Meusel in einer Serie über Martin Luther King die Christinnen und Christen in der DDR über die gewaltfreie Revolution auf den Philippinen, 1988.

Quelle: Die Kirche, 8. Mai 1988

In dem 2007 erschienenen Buch berichtet Theo Lehmann (*1933) über seine Erfahrungen als Pfarrer in der DDR, über die Jugendgottesdienste und die Bespitzelung durch die Stasi.

Quelle: Privat

Das Lied „Friedensspiel“ aus der Feder von Theo Lehmann und Jörg Svoboda, gesungen von Jörg Svoboda

Der Pfarrer und Liedermacher Theo Lehmann

Der evangelische Pfarrer Theo Lehmann ist bekannt durch Bücher über Spirituals, Gospels und Blues. Sein Buch „Blues and Trouble“ erscheint 1966 mit einem Vorwort von Martin Luther King. In seinem Buch über Mahalia Jackson (1973) schreibt er auch über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung.

Lehmann dichtet deutsche Texte für Spirituals und Gospels und verfasst mit seinem baptistischen Freund Jörg Swoboda (*1947) viele Lieder. Lehmanns Jugendgottesdienste in Karl-Marx-Stadt ziehen Tausende an. Ihm geht es darum, die vom Marxismus-Leninismus indoktrinierten Menschen zum Glauben an Jesus zu führen. Das allein macht ihn schon zum Staatsfeind. Wegen seiner evangelikalen Schriftauslegung und theologischer Engführungen ist er umstritten.

Nach den Polizeieinsätzen mit Wasserwerfern in Dresden und Plauen predigt er am 8. Oktober 1989, in der Wortwahl, die damals üblich war, bei einem Jugendgottesdienst über Martin Luther King.

„Mich hat heute einer gefragt, warum ich hier mit einer Zahnbürste im Hemd herumlaufe. Das habe ich vom Dr. Martin Luther King gelernt, der in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gesagt hat: Seid immer bereit, wenn es nötig wird, auch einmal das Quartier zu wechseln. Ich erinnere mich, wir haben vor fast 20 Jahren in unseren Jugendgottesdiensten, als der Fritz Müller das Lied gesungen hat: „Hast du deine Zahnbürste dabei?“, die Bilder gesehen, als mit Wasserwerfern gegen die Neger [sic!] vorgegangen wurde (…). Ich habe gestern in die verzweifelten Gesichter von jungen Menschen gesehen, die es erlebt haben und nicht fassen konnten, dass mit uns jetzt so gesprochen wird. (…) Wo sind wir denn hingekommen, dass wir Blutvergießen befürchten müssen, mitten in unserem Land und auf den Straßen unserer Städte. (…) Wir brauchen einen Neuanfang – und die Bibel sagt uns, wie das funktioniert. Missstände nennen und Schuld bekennen, nur so kommt es zu einer Veränderung.“

Quelle: https://www.sermon-online.com/de/contents/2410

Predigt von Hans-Jürgen Sievers am 9. Oktober 1989 in Leipzig

An der Leipziger Demonstration vom 9. Oktober nehmen trotz ihrer Angst vor der gewaltsamen Niederschlagung durch Polizei und Militär etwa 70.000 Menschen teil. Um 17 Uhr finden in drei großen Kirchen der Innenstadt Friedensgebete statt. Die Reformierte Kirche am Leipziger Ring ist schon um 16 Uhr überfüllt. Pfarrer Hans-Jürgen Sievers hat einem Kamerateam den Zutritt zum Kirchturm gewährt, damit es den Verlauf der bisher größten Demonstration in der DDR-Geschichte filmen kann. Beim Friedensgebet erinnert Pfarrer Sievers die von Angst und Hoffnung gleichermaßen erfüllten Menschen an Martin Luther King. Er erinnert an den gewaltfreien Widerstand während des Busboykotts in Montgomery und mahnt zur Gewaltlosigkeit.

"Hinter mir an der Wand können wir einen Ausspruch von Martin Luther King lesen. Dieser farbige amerikanische Pfarrer, er wurde 1968 ermordet, hat den Menschen unserer Zeit gezeigt, daß durch eine aus dem christlichen Glauben kommende Gewaltlosigkeit etwas Grundsätzliches verändern kann.“

Pfarrer Dr. Hans-Jürgen Sievers (1934-2019) auf dem Kirchturm der Reformierten Kirche am Leipziger Ring, wo am 9. Oktober 1989 die entscheidende Demonstration mit 70.000 Teilnehmenden stattfand.

Quelle: Hans-Jürgen Sievers/Armin H. Kühne, 2009

Landesbischof Werner Leich (*1927) mit Pfarrer Joachim Urbig (links) beim Friedensgebet in der Johanniskirche in Gera am 23. November 1989 mit etwa 2.000 Menschen

Quelle: BArch, Bild 183-1989-1123-036/Jan Peter Kasper

Hirtenbrief von Bischof Werner Leich zum 15. Oktober 1989

In seinem Hirtenbrief zum 15. Oktober 1989 ruft der thüringische Bischof Dr. Werner Leich, Vorsitzender der Konferenz der Kirchenleitungen des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK), zur Gewaltlosigkeit auf und verweist dabei auf Martin Luther King. Er schreibt:

„Bei friedfertig begonnenen Demonstrationen ist es zu unverhältnismäßig harter Anwendung von Gewalt durch die Sicherheitsorgane gekommen. Ich bitte euch (…): Bleibt dennoch konsequent bei dem Grundsatz der Gewaltlosigkeit. Haltet euch den Zeugen unseres Glaubens Dr. Martin Luther King vor Augen! (…) Lasst euch nicht mehr von der Vorstellung ängstigen, das Aussprechen der Wahrheit könne Nachteile für euch bringen. Ohne Wagnis und Opferbereitschaft wird es keine Erneuerung in der Wahrheit geben.“

Quelle: Aufbrüche. Dokumentation zur Wende in der DDR, 1991, S. 34f.

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