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MAHATMA GANDHI

Gandhis Rezeption und
Ver­mächtnis in der DDR

Hintergrund

Gandhis Name und sein gewaltfreies politisches Wirken sind in der DDR bekannt. 1979 erscheint ein erstes Buch über ihn. Es stammt von Herbert Fischer, der ein Jahr mit Gandhi zusammengearbeitet hat und von 1972 bis 1976 Botschafter der DDR in Indien war. Das Buch interpretiert die Rolle Gandhis aus marxistisch-leninistischer Sicht. Im Vorwort zu seinem Buch schreibt Fischer:

„Gandhi war durchaus Revolutionär in Bezug auf die Mobilisierung der Volksmassen für den Unabhängigkeitskampf, aber nicht im Sinne einer klassenmäßigen Umgestaltung der Gesellschaft, und das war und ist letztlich die Aufgabe in unserer Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Die objektive Gesetzmäßigkeit der Geschichte erkannte Gandhi nicht“.

Herbert Fischer (1914-2006)

Quelle: Sigrid Grabner

Gandhis Autobiografie erscheint 1982 als Lizenzausgabe im Berliner Union Verlag.

Quelle: Privat

1982 erscheint Gandhis vollständige Autobiografie mit einem Vorwort von Herbert Fischer. Ein Jahr später kommt die Gandhi-Biografie von Sigrid Grabner in einer Auflage von 12.000 Exemplaren heraus. Die Bücher sind schnell vergriffen. Zwei weitere Auflagen folgen. Sigrid Grabner wird zu zahllosen Lesungen in Gemeinden und Hauskreisen, aber auch in Schulen, Bibliotheken und zu Gewerkschaftsveranstaltungen eingeladen. Obwohl die Staatssicherheit bei allen Lesungen dabei ist, sprechen die Menschen dort sehr offen. Gandhi ermutigt sie, ihre Furcht zu überwinden und für die Wahrheit einzutreten. Das zeigen auch die zahlreichen Leserbriefe, die Sigrid Grabner erreichen.

Am 29. Dezember 1985 sendet das DDR-Fernsehen als erste europäische Fernsehstation der Welt den 1982 produzierten Spielfilm „Gandhi“ von Richard Attenborough.

In der kirchlichen Friedensarbeit steht sein Name für den erfolgreichen Einsatz von Gewaltlosigkeit auf politischer Ebene. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Gandhi ist eher die Ausnahme.

Sigrid Grabner. Ihre Gandhi-Biografie erfährt auch in außerkirchlichen Kreisen eine überraschende Resonanz. In zahlreichen Lesungen und anhand von Leserbriefen erlebt sei, wie Menschen durch Gandhi Mut gewinnen, sich für Veränderungen einzusetzen.

Quelle: Sigrid Grabner

Ankündigung einer Tagung der Evangelischen Akademie in Halle zum gewaltfreien Widerstand, 1984. Dr. sc. Mechtild Gottschalk, hält dort den Vortrag „Mahatma Gandhi – Die Kraft der Wahrheit und der Liebe“. Sie ist Ärztin der Universitätsklinik Leipzig und von Gandhis Autobiografie beeindruckt. Die Tagung gibt ihr die Gelegenheit, Gandhis gewaltfreien Weg einem großen Personenkreis vorzustellen.

Quelle: Evangelisches Zentralarchiv in Berlin

Herbert Fischer: Gandhi-Schüler und Botschafter

Herbert Fischer (1914–2006) ist Sohn eines Gemeindevorstehers der Herrnhuter Brüdergemeine, einer christlich-missionarischen Gemeinde. Er macht wahr, wovon Dietrich Bonhoeffer träumt. 1933 flieht er vor den Nazis nach Spanien und macht sich per Fahrrad und Schiff auf den Weg nach Indien. Hier arbeitet er ein Jahr lang (1936/37) mit Gandhi zusammen in einem landwirtschaftlichen Projekt, bis er eine Stelle in einem Krankenhaus antritt. Dort lernt er seine Frau kennen und gründet eine Familie.

In den folgenden Jahren gibt es immer wieder Begegnungen mit Gandhi. Fischer ist fasziniert von ihm, kann sich jedoch nicht mit dessen politischen und religiösen Vorstellungen anfreunden. Als überzeugter Kommunist kehrt er 1946 in seine Heimat zurück, wird Lehrer und Schuldirektor und beginnt eine diplomatische Laufbahn. Als erster Botschafter der DDR in Indien kommen ihm seine persönlichen Kontakte und Erfahrungen zugute. In der DDR erhält er zahlreiche Auszeichnungen. 2003 verleiht ihm der indische Staat den Padma Bhushan, einen hohen indischen Orden.

Herbert Fischer wird 1972 vom indischen Staatspräsidenten als erster Botschafter der DDR in Indien akkreditiert.

Quelle: Herbert Fischer, DDR-Indien. Ein Diplomat berichtet, Berlin 1984, S. 78.

Unter dem Titel „Unterwegs zu Gandhi“ bringt Fischer 2002 seine Autobiografie heraus, in der er frei von ideologischen Zugeständnissen seine Erfahrungen schildert.

Quelle: Privat

Sigrid Grabner, Gandhi-Biografin, über ihre Begegnung mit Herbert Fischer

Als Grabners Auftragswerk 1980 fertig ist, will es der Verlag Neues Leben nicht mehr drucken. Mit dem Erstarken der westdeutschen Friedensbewegung wird Gandhi für das DDR-System wieder interessant. Das Buch erscheint 1983.

Quelle: Privat

Sigrid Grabner: Eine DDR-Schriftstellerin entdeckt Gandhi

Die Asienwissenschaftlerin und Schriftstellerin Sigrid Grabner wird 1975 vom Verlag Neues Leben beauftragt, eine Gandhi-Biografie zu schreiben. Da sie kein Interesse an dem „halbnackten Fakir“ hat, lehnt sie ab. Erst nach einer persönlichen Begegnung mit Herbert Fischer willigt sie ein und schreibt eine Biografie auf der Grundlage von Fischers Erzählungen und seiner englischsprachigen Quellen. Bis heute wird Grabners Buch wegen der gründlichen Recherche und der literarischen Qualität geschätzt. Die große Resonanz überrascht sie.

Die Beschäftigung mit Gandhi verändert Grabners Leben. Sie wendet sich dem christlichen Glauben zu, wird katholisch und tritt 1988 aus der SED aus. Auch ihre Kinder lassen sich von Gandhis „Satyagraha“ beeinflussen und engagieren sich in der kirchlichen Friedensbewegung, mit der Sigrid Grabner selbst nicht in Berührung kommt.

Sigrid Grabner, Gandhi-Biografin, über die Resonanz auf ihr Buch

Sigrid Grabner darüber, wie Gandhi ihr Leben veränderte

Gandhi in der kirchlichen Friedensarbeit

In der christlichen Friedensbewegung der 1980er Jahre ist Gandhi eher selten Thema. Man beruft sich eher auf das Alte und das Neue Testament oder zitiert Texte von Martin Luther King, der Christ war und neben dem Kampf um Gleichberechtigung auch gegen den Vietnamkrieg protestierte.

Dass sich Martin Luther Kings Prinzipien sowohl aus der Bibel als auch aus der Beschäftigung mit Gandhi speisen, wird kaum näher bedacht. Gandhi ist fremd, kommt aus einer anderen Zeit, Kultur und Religion. Dennoch ist sein Name bekannt und sein Konzept der Gewaltlosigkeit, mit dem er Indien erfolgreich von der britischen Kolonialmacht befreite, wird geschätzt.

In die damalige Aufrüstungsdebatte werden seine Erfahrungen allerdings kaum einbezogen. So erklärt sich auch Sigrid Grabners Überraschung angesichts der unerwarteten Resonanz auf ihr Gandhi-Buch.

Quelle: Katharina Jany

Ruth Misselwitz,
Mitgründerin des Pankower Friedenskreises, über die Bedeutung Gandhis im Pankower Friedenskreis

Das Buch von Hildegard Goss-Mayr (1976) wird von einigen Gruppen innerhalb der Friedensbewegung als Grundlage für Seminare über gewaltfreien Widerstand verwendet. Es bietet eine einführende Darstellung zu den Grundsätzen und Methoden gewaltfreien Handelns aus christlicher Perspektive und geht auch auf Gandhi ein.

Quelle: Katharina Jany

In einem Sammelband über den Pankower Friedenskreis (2009) wird Gandhi nur einmal erwähnt. Auf Seite 48 heißt es: „Die Gruppe ‚Anders leben‘ beschäftigte sich intensiv mit Gandhis Prinzipien der Gewaltlosigkeit. Diese sollten als Modell auf die DDR-Situation übertragen werden. So unterzeichneten Teilnehmer persönliche Friedensverträge“.

Quelle: Privat

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